25th Jul, 2010

Loveparade Duisburg: Fahrlässige Tötung

Die Frage, die der Reporter der Westfalenpost ab 6:57 min auf der Pressekonferenz stellt ist berechtigt:

Wenn man ein Veranstaltungsgelände hat, dass 500.000 Besucher fasst, man aber 1,5 Mio. Besucher erwartet, wieso gestaltet man dann den einzigen Ein- und Ausgang durch eine Rampe, die inmitten eines 16 Meter breiten Tunnels liegt?

Noch bevor ich hier weiter schreibe, möchte ich mein Fazit vorwegnehmen:
Alle Verantwortlichen, die diesem Veranstaltungskonzept zugestimmt haben, gehören wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht gestellt und verurteilt.

Dazu zähle ich zuallererst den Veranstalter Rainer Schaller, danach Oberbürgermeister Adolf  Sauerland und auch den stellvertretenden Polizeichef Detlev von Schmeling – sofern er für die Einsatzleitung verantwortlich zeichnet. Da auf der Pressekonferenz keine Aussagen zu Verantwortlichkeiten getätigt wurden, möchte ich diese Aussagen jedoch vorerst nur unter Vorbehalt treffen.

Als ich auf der Loveparade eintraf, um dort einen Videoclip zu drehen, hätten wir gerne feiernde Menschen als Hintergrundkulisse für unseren Dreh gehabt.  Soweit kam es jedoch nicht, denn schon an der Ecke Grabenstraße/Kommandantenstraße stauten sich die Menschenmassen so stark, dass an ein Vorankommen nicht mehr zu denken war. Wir hielten also auf der Grabenstraße inne, in der Hoffnung, dass der Menschenfluss sich bald fortsetzen würde, wenn man den nächsten „Schwall“ auf das Gelände ließe.
Nach einer Zeit wurden wir jedoch von den nachströmenden Menschen förmlich eingepfercht, so dass wir uns den Weg zurück durch den Menschenstrom zur Kreuzung Grabenstraße/Koloniestraße bahnten und dort – nach ein paar Aufnahmen – ausharrten. Derweil wurde der Rückstau auf der Grabenstraße immer größer.

Von Zuflussregelung von Seiten der Polizei kann keine Rede gewesen sein. Kurz bevor der Rückstau auf der Grabenstraße bis zur Kreuzung reichte, fuhren drei oder vier Einsatzwagen vor, die die Grabenstraße blockierten.
Die Besucher jedoch umgingen die Wagen einfach und schlängelten sich an der Sparkasse vorbei in die Grabenstraße, da keinerlei Beamte die Leute zurückhielten. Unsinnigerweise jedoch bin ich zuvor – als ich versuchte, der Grabenstraße über die Akazienstraße zu entkommen – von einem Beamten zurückgewiesen worden.

Selbst vor der Polizeiwagenburg stauten sich nun die Leute, so dass wir uns entschlossen, uns endgültig zurückzuziehen. Meine letzten Worte zu Torben waren: „Heute werden Menschen sterben. Wenn einer von den Drogis in der Hitze umkippt, braucht der Krankenwagen Stunden, um da durch zu kommen.“

Da wusste ich noch gar nicht, dass es nicht nur die Route über den Osteingang des Hauptbahnhofs gab, sondern auch noch eine von der anderen Seite (!!!) Eine halbe Stunde später zuhause angekommen, erfuhr ich durch die Medien von der Massenpanik.

Von „Vereinzelungssperren“ – wie es von Schmeling in der Pressekonferenz schilderte – habe ich nichts gesehen, es sei denn, diese jämmerliche Wagenburg sollte eine solche darstellen. Auch die Bilder im Tunnel, die auf den diversen Nachrichtenportalen zu sehen sind, sprechen da ganz klar eine andere Sprache.
Meiner Meinung nach hat die Polizei zu keinem Zeitpunkt sich darum gekümmert, den Besucherstrom vor dem Tunnel zu stoppen. Sie haben ledigliche die Leute davon abgehalten in die Seitenstraßen auszuweichen.
Vielleicht wollte sich Herr Sauerland die Kosten für die „Cityfanten“ sparen, die die ganzen Nebenstraßen hätten säubern müssen und den Stadthaushalt damit belastet hätten. Ich weiß es nicht.

Ich bin davon überzeugt, dass Herr von Schmeling in der Sache mit der Zuflussreglung lügt. Ich frage mich immer wieder, was in den Hundehirnen unserer Verantwortungsträger vor sich geht. Jedes Kleinkind, das mit Google Earth umgehen kann, hätte folgende Szenarien erstellen können:

1. Man hätte den Zufluss vom Osteingang über die östliche Rampe regeln können. Der Abfluss vom Gelände wäre über die westliche Rampe zurück zum Westeingang möglich gewesen. So wäre eine Ausweichmöglichkeit nach Westen Richtung Hochfeld gegeben gewesen:

Loveparade mögliche Eingänge Ausgänge Zuflusswege

2. Man hätte die übertunnelte Karl-Lehr-Straße mit Trennzäunen „splitten“ können. Die Südseite der Straße hätte man den abreisenden Gästen überlassen, die Nordseite der Straße am Gelände den Zuströmenden. Bei einer Panik hätte man die Zäune umgeworfen und der verfügbare Platz hätte sich verdoppelt:

3. Man hätte den Zugang zum Gelände vom Westeingang des Hauptbahnhofs über den Kreisverkehr auf die A59 lenken können, die sowieso gesperrt war. Man hätte 10m Leitplanken entfernt und wollte man das Gelände wegen Überfüllung absperren, hätte die Masse noch Platz bis Großenbaum gehabt:

Aber stattdessen schleusen wir die erwarteten 1,5 Mio. Menschen von beiden Seiten eines Tunnels durch ein Nadelöhr aufs Gelände.  So bescheuert muss man erstmal sein!

Und wenn das Gelände voll ist. Was dann? Dann sollen alle von alleine wieder umdrehen oder wie?

Die Einsatzleitung der Polizei hat meiner Meinung nach vollständig versagt. Ich weiß nicht, ob an den Gerüchten der Androhung des Schusswaffengebrauchs etwas dran ist. Auch habe ich die Duisburger Polizei immer als hilfsbereit und zuvorkommend erlebt. Aber wenn das stimmt, was dieser Verletzte berichtet, so schienen die Beamten mit der Situation hoffnungslos überfordert zu sein:

Eine adequate Reaktion der Polizei auf den Stau vor dem Tunnel gab es offensichtlich nicht. Zuflussreglung hat hier ganz offensichtlich nicht stattgefunden.

Ich bleibe dabei: Der Rücktritt von Adolf Sauerland ist überfällig. Der Polizeichef sowie der Einsatzleiter sind in Verantwortung  zu nehmen, ebenso der Veranstalter.

Es ist nicht so, dass Duisburg räumlich nicht in der Lage gewesen wäre, die Loveparade zu schultern. Es gibt für mich nur zwei Erklärungen, wie es zu diesen schlimmen Vorfällen hat kommen können:

1. Man hat versucht zu sparen, um die Kosten für die Verschmutzung der Stadt sowie Kosten für Einsatzkräfte gering zu halten.
2. Grenzenlose Dummheit und Verantwortungslosigkeit der Organisatoren.

Für mich ist es klar: Was am 24. Juli 2010 in Duisburg passiert ist, erfüllt den Tatbestand der fahrlässigen Tötung.

Meine Gedanken sind bei den Angehörigen und Freunden der Opfer, die nun unglaublich schmerzliche Verluste hinnehmen müssen. Ich wünsche ihnen eine schnelle und gerechte Aufklärung der Vorfälle, auf dass sie danach die Kraft finden, zu trauern und über ihren Verlust hinwegzukommen.


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Responses

Hallo Marcel,

Wir haben bis vor ein paar Minuten noch zusammen an der Karl-Lehr-Straße gestanden und zusammen geredet. (Ich bin der letzte der gegangen ist – mit dem Stativ)

Jetzt habe ich mir mal deine Sichtweise komplett durchgelesen und muss sagen: Das gilt höchstens für die Seite Koloniestr.

Auf der Düsseldorfer Str. war es zu den Zeiten 13:30 und 17:00 absolut ungefährlich. Es war zwar viel Ansturm, aber der wurde von der Polizei ordentlich geregelt. Die Vereinzelungssperren waren an der Kreuzung Düsseldorfer Str./Karl-Lehr-Str. vorhanden.

Der Ansturm aus Richtung Bahnhof wurde mit 2 Wellenbrechern gehalten. Die erste Welle stand zwischen Präsidium und Kreuzung Düsseldorfer Str./Karl-Lehr-Str und die zweite Welle direkt an der Karl-Lehr-Str. in Richtung Tunnel.

Die Bilder die bei der Veranstaltung entstanden sind, kann ich dir zukommen lassen.

Gruß Daniel

es gibt noch eine dritte möglichkeit: vorsätzlicher mord. motiv: künftig großveranstaltungen, vor allem großdemos verbieten können oder zumindest demonstrationsfreiheit angesichts drohender sozialer unruhen massiv einschränken zu können.

ich war selbst auf der lover parade mit meiner mom mir wurde der gewetscht als ich hingefallen war meine mutte hate vol angst sie hatte auch verletzungen ich ahbe sogar tote gesehen obwohl ich nur 14 jahre alt bin ich habe selbst keine luft mehr bekommen bis einer mir geholfen hat und ich habe maxmial im tunnel 3 polizisten gesehen mein bruder war auch da ihn wurde sogar die nase gebrochen und ich habe um hifel gerufen un 20 meter weg stand so nen polizei hat mich angesehen udn hat andere geholfen das is unter aller sau

und noch was es ist eine frecheit die verantwotlichen sgane nur ja dann mussten sie nicht über die zeine sprinngen oder so ja mustte mann wenn mann nicht zerkwetscht werden will zum glück konnten ich und meine mom nohc raus mein bruder musste ins krankenhaus

Im Vorfeld war ich zwar entsetzt, wegen des Abbruch- Geländes; Alter Güterbahnhof. Da man jedoch Tage vor der Veranstaltung überall Schilder sah, dass die Autobahn A 59 gesperrt sei, nahm ich an, dass man die 1,5 Millionen Raver, über die Autobahn- Zufahrten zum Gelände bringen wolle, und das Abbruchgelände durch die Fläche der Autobahn vergrößern würde. Als ich dann im Netz gesehen hab, wie es tatsächlich „ organisiert“ wurde. War mein erster Gedanke, Geltungssucht der Politiker, Geldgier beim Veranstalter und nicht Vorhandensein von Rückgrat bei Verwaltung, Feuerwehr und Polizei .Also alles das, was uns in diese Besch…. Lage, in der wir uns befinden, geführt hat. Ich habe mal ein paar Links angefügt, die den ganzen Ablauf, gut verdeutlichen.

Mit diesen, unseren „ Eliten“ aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, stürzen wir immer schneller in den Abgrund. Wir benötigen dringend einen Reset dieser Welt. Wobei solche Katastrophen, wie jetzt in Duisburg, im Golf von Mexiko oder im nahen Osten, nur ein leiser Aufgalopp sind.

Ein aufrechter Gang, hilft in diesen Zeiten. Felix Klinkenberg

Bemerkenswert ist Wojnas Satz:
„Es ist nicht so, dass Duisburg räumlich nicht in der Lage gewesen wäre, die Loveparade zu schultern. “
Die deutsche Öffentlichkeit sieht das mittlerweile anders.

Hier und da liest man dann: „In München wäre das nicht passiert“.
Möchte ich mir gar nicht vorstellen: eine Loveparade im engen München, Abschlusskundgebung auf dem Marienplatz.

Hätten die Verantworlichen etwas mehr Grips gehabt, wäre die Sache wohl ein voller Erfolg geworden.
Was hätte alle Welt die Location gelobt?

Jetzt eigentlich nur Spott und Häme. Wie der Kölner Stadtanzeiger frotzelte: Duisburg ist eben Provinz.
Na ja, die Kölner schaffen es ja auch, auf einer Fläche, wo gerade mal 500.000 hineinpassen, Platz für 1,5 Mio. zu schaffen und das jedes Jahr.
Mindestens eine halbe Million am Dom und auf der nur knapp 8 Meter breiten Hohe Straße.

Meine erste Reaktion als Duisburger nach dem Unglück: „Die kriegen hier nix gebacken“.

Was muss das wohl für ein Gefühl sein: du gehst nichtsahnend und frohen Mutes zu so einer Veranstaltung und hinterher liegst du im Krankenhaus? Und was müssen wohl die Angehörigen aushalten: morgens geht das Kind aus dem Haus, abends oder am nächsten Tag die schlechte Nachricht.

Erbärmlich, dass es jetzt alle schon vorher gewusst haben und es gibt sogar Leute, die noch nie in Duisburg waren, aber alles ganz genau wissen und detailliert sagen können, wo man denn die Ein- und Ausgänge hätte platzieren müssen. Und was die Presse jetzt für einen Unsinn knarzt. Spiegel TV hält die Kamera voll auf Verletzte und Tote. Spiegel TV ist auch nicht besser als das Käseblatt.

Andere sind eben auch nicht schlauer als man selbst. Mal abwarten, was noch so alles passiert in der Welt.

Warum das passiert, das habe ich hier geschrieben:

http://bewusstsein-heute.blogspot.com/201
0/08/warum-konnte-es-dazu-kommen.html

Herzliche Grüße, Alexander

Wurden die Fragen, die zum Zeitpunkt der Pressekonferenz nicht beantwortet werden „konnten“, angeblich aufgrung der noch laufenden Ermittlung, mitlerweile beantwortet? laufen die Ermittlungen noch?
Für mich sieht es so aus als hätten die Veranstalter kein Interesse daran diesen Fall zu aufzuklären.

Mir scheint es so als wollen sie selber nichts mehr darüber hören.

Und ich frage mich wie man nachts noch ruhig schlafen kann mit dem Gedanken Menschen leben auf dem Gewissen zu haben.

Oder haben sie diesen Gedanken gar nicht, da jede Seite der jeweils anderen die Schuld zuweisen möchte.

Habe lange nichts mehr von dem tragischen Ereignis in Duisburg weder im Fernsehr gesehn noch im Radio gehört noch in irgendeiner Zeitung darüber gelesen.

Klar jetzt hat die Bundesliga wieder angefangen und hier in Köln ist nichts so wichtig wie der Fußball und der 1. FC Köln.

Schon Julius Cäsar wusste damals, Brot und Spiele hält die Massen ruhig…

Ich habe wirklich keine Ahnung wer jetzt genau Schuld hatte.
Allerdings finde ich es mehr als widerlich, dass der Schuldige nicht wirklich gesucht wird. So viele Tote und dennoch wird alles als „höhere Gewalt“ abgetan. Ich hätte da doch wesentlich mehr von unserem Rechtsstaat erwartet.
Hätten „Terroristen“ 20 Deutsche umgebracht, die Politiker hätten die Schuldigen so lange verfolgen lassen bis die Terroristen der Öffentlichkeit gefangen oder getötet präsentiert werden könnten. Aber hier sind ja „nur“ ein paar (vermutlich arbeitslose, faule und koksende) jugendliche Raver gestorben…

Lockerheit in allen Ehren aber zu sagen: „Wenn einer der Drogis umkippt“ ist schon ne grosse Frechheit lieber Wojna. Das ist unnett und auch unnötig, denn nicht jeder der auf ne LoPa geht ist verstrahlt.

Ansonsten kann ich mich der Sache mit der fahrlässigen Tötung anschliessen.

Ich als schwerverletztes Opfer, welches noch heute an den Verletzungen zu leiden hat und auch kürzlich wieder operiert wurde bin entsetzt über das Verhalten der Verantwortlichen, nicht nur weil sie die Planung voll verkackt haben, sondern weil auch bis heute in keinester Form eine Entschuldigung kam.

Wir kämpfen und wir wollen helfen.
Wir wollen allen LoPa-Opfern helfen und auch anderen Massenpanikopfern und ich hoffe, dass wir dies erfolgreich meistern werden/können.

Wer mag schaut mal auf meine Website.

Torben& Wojna, ich freu mich auf die Charityveranstaltung die hoffentlich bald stattfinden wird.

LG
Chaosmädchen

spiegel TV war mit 6 (!) Kamerateams vor Ort – die haben es auch schon vorher gewusst…

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